Dafen und die kalte Ente

Gerne hört man von sogenannten Künstlerdorf Dafen, wo alle Gemälde der Welt kopiert werden. Ich war da.

Girls admiring a paintingGirls admiring a painting | photo: Chong Head (cc-by-nc)

Einigen von euch habe ich ja schon von Dafen erzählt, also zumindest was ich darüber aus 2. Hand erfahren habe. Jetzt war ich selber dort, im Künstlerdorf Dafen. Dorf ist gut, ich meine damit Stadtteil, bzw. Teil eines Stadtteils. Aber beginnen wir am Anfang.

Mein erstes freies Wochenende. Wie immer seit ich hier bin, bin ich früh aus den Federn und war am Vormittag recht produktiv. Dann, nachdem ich es mir erstens selber ansehen wollte und zweitens auch die Empfehlung bekommen habe, bin ich mittags ab zur Ubahn nach Dafen. Glücklicherweise hab ich immer einen Pullover mit. Zwar hats wundervoll sommerliche Temperaturen in Shenzhen (also zumindest das was wir hier oben als sommerlich empfinden), aber in der Ubahn rennt die Klimaanlage volle Kanone und du frierst dir den Allerwertesten ab.

Die erste Offenbarung des heutigen Tages waren die "etwas anderen" Stadtviertel. Ich wohne ja in der OCT (Overseas Chinese Town) am Rand des Industrie- und Geschäftsviertels Nanshan. Mein täglicher Weg führt mich nach Futian, wo die ganzen Wolkenkratzer wohnen und die Gehsteige mit schlüpfrigen Marmorplatten gepflastert sind. Irgendwie auch ein Geschäftsviertel. Wohngebiete gibts schon, aber die sind meist durch Tore abgegrenzt und sehen schön geräumig aus.

Auf dem Weg nach Dafen kommst allerdings durch Longgang, wo sich die dreissigstöckigen Wohnhäuser mit den 20stöckigen abwechseln. Dort herrscht der wahre Trubel und jetzt weiß ich auch, wo die ganzen Chinesen herkommen. Die Bevölkerungsdichte in diesen Vierteln muss enorm sein, und so riecht es auch. Ok, ich meine, nicht dass es in Wien in den entsprechenden Vierteln besser riechen würde, so ist das halt.

Auf jeden Fall steige ich in Dafen aus und beginne mit der Suche nach dem Künstlerdorf. Bis auf ein paar Firmenschilder sehe ich keinerlei römische Buchstaben, ich befinde mich im "tiefen Shenzhen", wie ich begonnen habe jene Bereiche zu nennen, die wirklich ausgesprochen verzwickt und wo du mit Englisch nicht wirklich weiterkommst.

Meinst ich sehe ein einziges Bild? Nein. Keine Chance. Ich fürchte schon, ich hab komplett die falsche Richtung eingeschlagen und peile kurz die Himmelsrichtung wo meine Ubahnstation ist. Im Gegensatz zu Hong Kong finde ich mich orientierungsmässig ja in Shenzhen gut zurecht. Dorthin. Ich biege ums Eck.

Bumm. Dafen.

Dafen Painting VillageDafen Painting Village | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Ein Malerladen neben dem anderen. Geil, aber erst noch was essen. Da, ein Restaurant, eines von diesen typischen Restaurants halt. Meine Restauranterfahrung beschränkt sich ja auf die OCT und diverse Straßenküchen, sowie einen Sushiladen (ich rede von echtem Sushi und richtigem Wasabi Leute, von der Sorte die dir wie ein frischer Winterwind die Nebenhöhlen durchbläst) im Shopping Park. Ein Restaurant wie dieses kannte ich noch nicht, also los! Die Kellnerin kann Englisch (glaubt man, aber nach "good day sir, please come in, please sit" wars aus, aber kennen wir ja mittlerweile und ist kein Hindernis). Ich sehe auf der Speisekarte Ente. Ich liebe Ente, also her damit.

Dazu Grüntee.
Wiebitte, habts nur Schwarztee Zitrone?
Na weng meiner.
Beilage?
Reis bitte, eine Schüssel.
Ratlosigkeit.
Reis, hast ja gerade selber gesagt Reis gibts extra, also Reis bitte.
???
REIS!
?-?-?
Wart mal, dongdong bitte, Sekunde... gekochter Reis, hab ich doch grad gestern gelernt, herrschaftzeitn, wie ging das nochmal? Achso genau!
米饭 bitte.
Aah, 米饭?
Ja genau, eine Portion.

Girl Painting in DafenGirl Painting in Dafen | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Erleichtert schwattelt die Kellnerin von Dannen (Was bedeutet eigentlich Dannen? Tannen? Danaer? Muss ich mal nachforschen.) und nach 5 Minuten kommt meine Ente. Mit Apfelsauce. Und Tee. Und 米饭.

Dafen Oil Painting VillageDafen Oil Painting Village | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Die glasierte Ente ist kalt. Sieht warm aus, ist aber kalt bzw. lauwarm, mitsamt den Knochen in stäbchengerechte Streifen geschnitten/gehackt. Ich beschäftige mich mit meinem Reis und mustere ratlos die Ente. Ich schnapp mir ein Stück mit den Staberln und kiefel das Fleisch runter. Hm, sehr kompliziert. Wie isst man sowas? Mittlerweile essen mehrere Leute hier, ich schau mich um, ob noch jemand kalte Ente isst und ich mir was abschauen kann. No Chance, die sind alle vernünftiger als ich und essen 米饭 mit Gemüse.

Dafen Arts VillageDafen Arts Village | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Naja, egal, kennt mich eh keiner, Hände sind auch sauber, also hau rein!

Ok, ich bin froh, das Ding gegessen zu haben, immerhin: Sowas kriegst in Europa sicher nicht. Aber morgen geh ich wieder zum Wokmann, das ist eher mein Geschmack.
Bei einem Straßenstand kauf ich mir noch einen Sesamknödel als Nachspeise und betrete satt und entspannt das Künstlerdorf Dafen.

Van Gogh Mass Production in DafenVan Gogh Mass Production in Dafen | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Eine Galerie neben der anderen, ich hab sowas noch nie gesehen. An der Straße selbst die etwas  gehobeneren Galerien. Die haben westliche Namen und eigene Internetadressen. In den Seitengassen namenlose Künstler in namenlosen Geschäften.
Öl, Tusche, oder doch lieber Acryl?
Modern oder antik, westlich oder chinesisch?
Lustige Comictiere fürs Kinderzimmer oder lieber OMGWASZUMTEUFEL wo soll man das hinhängen, ich meine ich wohne weder in Versailles noch Schönbrunn, das Ding müsste ich in meinem Wohnzimmer zuhause quer reinstellen weils so riesig ist. Wer kauft sowas?

Artwork created in Dafen, Shenzhen, ChinaArtwork created in Dafen, Shenzhen, China | photo: (cc-by-sa) Cory Doctorow

Offenbar kaufen die Leute das, denn riesige Landschaftsbilder oder Szenen der Renaissance gibts doch etliche. Damals wusste ich das noch nicht, aber die Asiaten sind... anders. Also - sobald sich einer einen Bentley leisten kann, kauft er sich einen Bentley und wenn sich einer einen Palast leisten kann, baut er sich einen Palast. Und dort hängen dann in der Empfangshalle riesige, europäische Gemälde herum. Klingt komisch, ist aber so.

More Van Gogh at DafenMore Van Gogh at Dafen | photo: (cc-by-sa) Mitch Altman

Mona Lisa habe ich gesehen, originalgetreu kopiert, bis zu den feinen Rissen. Dali, Monet, Turner, Klimt, Van Gogh. Das offensichtlich beliebteste Motiv (neben logischerweise Mao) ist Napoleon. Ihr kennt das Bild sicher, Napoleon im wehenden Mantel auf dem steigenden Pferd. Der Schinken ist mir auf meinem Bummel sicher 12 mal untergekommen.

Ha, da ist einer, der sich auf Rosen spezialisiert hat. Rosa Rosensträucher rosen sich rosig auf g-rosen und kleinen Leinwänden. Der Nächste malt Landschaften, immer dasselbe, ein Wasserfall im herbstlichen Birkenwald, immer andere Perspektiven, aber dasselbe Motiv. Hier eine stürmende Pferdeherde, dort ein sich sonnender Tiger, dort drüben eine Ballerina.

NapoleonNapoleon | photo: (cc-by-sa) Michael Mandiberg

Stilleben, ihr wisst schon, dieser langweilige Biedermeierkrampf sind offenbar sehr beliebt. Preise sind keine angeschrieben, offensichtlich alles Verhandlungssache. Ich spare mir die Fragerei, ich komme aber sicher wieder her, sobald ich sprachlich halbwegs sattelfest bin. Noch verstehen die Leute kein Wort wenn ich chinesisch rede, könnte genausogut lungauerisch reden.

Selten mal finde ich Exemplare, die ausgepreist sind, wie hier beispielsweise eines von diesen Blumenbuketts in einer Vase. Etwas, das man häufig in Hotelzimmern findet und das es im Bauhaus um 15 Ocken zu kaufen gibt. Hier kostets 60 RMB, ca. acht fuffzig also, mhm.
Neinnein, danke, hab nur geschaut, danke.
Draußen in einer der größeren Galerien findet sich ein Stapel von diesem Motiv. Und mit Stapel meine ich 30 Stück übereinandergestapelt. Alles dasselbe und alles kopiert.

Manche Künstler arbeiten in ihren Ateliers (=Geschäft), die meisten in den Seitengassen. Fast alle haben entweder ein Foto als Vorlage in der Hand, oder einen Laptop neben sich, von dem sie abmalen. Drei Gruppen von Europäern sehe ich, entweder Touris oder Einkäufer. Eher Touris vom Aussehen her. Alle quasseln sie auf deutsch, ich setze meinen Weg schleunigst fort. Da schreiben sie diese chinesischen Schriftbilder, ihr wisst schon, Kalligraphie. Hochformat, Querformat, Quadratformat, Großformat oder Kleinformat.
Ha, die erste Künstlerin die ich  sehe, die aus dem Gedächtnis malt. Blumen. Hmpf.

Hier stellen sie eine Art Kunstdruck her, Scherenschnitte oder Holzschnitte oder sowas von deinem Gesicht. Naja, das schaffe ich auch noch. Dort drüben schnitzen sie, in Holz oder Jade. Das ist mal eindrucksvoll, ein in sich verschnörkelter, chinesischer Drache aus Speckstein. Ich kenne das Material, das übersteht den Flug sicher nicht. Weiter gehts.

Hier, der Bursche hats wirklich drauf, der malt Portraits von Fotos ab, in einer Exaktheit wie man sie selten sieht. Wer auch immer von euch ein versteckter Narzisst (oder ein Offizieller, jaja, brauchst dich garnicht verstecken, ICH SEHE DICH!) ist, dem Burschen drückt man ein Foto in die Hand und er malt dich in Öl. Als Beweis seiner Kunstfertigkeit hat er Portraits von diversen Berühmtheiten in, an und vor seinem Laden postiert, das dazugehörige Foto in den Rahmen geklemmt. Ich sehe Marie Antoinette, Michael Jackson, Nitsch (ne, wirklich, ich musste lachen), logischerweise den Vorsitzenden Mao, Queen Elizabeth II und eine Reihe Berühmtheiten von denen ich die Namen nicht kenne.

In einem anderen Laden hat der Künstler sich etwas künstlerische Freiheit erlaubt: Präsident Obama, komplett mit Winston Churchills Zigarre, eine dezente Anspielung und versteckte Kritik?
Oder nur der spontane Einfall eines gefangenen Freigeistes, der verzweifelt versucht im weltgrössten Kopierwerk etwas kreativ zu sein?
Oder doch kopiert aus dem Internet?

Kopierwerk.
Normalerweise erkennt man sehr gut, was Kunst und was Kopie ist. Aber man müsste schon mehr als 4 Stunden in Dafen verbringen, um das Zeug auseinanderzuhalten. Wunderschöne Bäume, modern, phantastische Farbgestaltung.
Eine halbe Stunde später: Dasselbe.
War ich hier schon?
Nein, anderer Laden, das gleiche Bild. Schau, die haben genau das Gleiche auch noch in Lila. Und Gelb.

Children in DafenChildren in Dafen | photo: (cc-by-sa) Karl

Die Wenigen, die sich von Zeit zu Zeit den Luxus leisten selbst etwas zu kreieren, zaubern phantastische Farbwelten auf die Leinwand. Der hier malt einen Buchenwald in Gelb. Glaubt mir, selten sieht man so viele Nouancen von Gelb auf einem Quadratmeter.

Immer wieder sieht man Läden mit Malereibedarf. Von der Staffelei (die aber keiner nutzt, das Leinen wird an die Wand gepappt) über Pinsel bis zu den Farben gibts hier alles. Manche Läden führen nur Pinsel, dafür mehr verschiedene Arten als ich je für möglich gehalten habe. Und ich dachte nachdem ich meine Gymnasialzeit als semiblinder Passagier im Zeichenkammerl verbracht habe(*) anstatt Mathematik zu pauken, wüsste ich alles über Pinsel. HA! Weit gefehlt.

Und wenn man das Ende der Gassen erreicht, sind da die Rahmenläden. Hier kreischen die Kreischsägen. Es wird geleimt und gehämmert und getackert und gemessen und genagelt auf Teufel komm raus. Da hinten stellen sie die Keilrahmen her, die zwei Burschen tackern die Leinwand daran fest und da drüben werden auftragskonform Bilderrahmen zugeschnitten.

Zwischendrin in dem ganzen dreckigen, phantastischen, herrlichen Chaos rennen Hunde und Kinder herum. Erstere sind leise und passen auf nicht getreten zu werden, zweitere johlen und machen sich ihren Spaß. Zwei davon sind blond wahrscheinlich der Nachwuchs einer westlichen Künstlerin, die weiter hinten die ganze Gasse mit einer Auswahl ihrer Metallicbilder vollgelegt hat, um sie einem Kunden zu zeigen. Den Kindern ist das wurscht wie sie aussehen oder was sie als Spielzeug haben, Hauptsache laut ists und Gaudi hamma.

Hinter mir hupts, ich gehe auf die Seite, ein Elektromofa braust schnell wie ein Wiesel durch die Gasse, beladen mit Nachschub an Irgendwas, für Irgendwen, irgendwo da hinten.

Girls admiring a paintingGirls admiring a painting | photo: (cc-by-nc) Chong Head

Ein Eisteeladen, jaa, sois gut, einen grünen Tee bitte.
Wiebitte?
Grüntee.
???
Lü Cha.
Ratlosigkeit. Die Frau schnappt das Handy, tippt irgendwas in Baidu (das chinesische Google) ein und zeigt mir das Ergebnis des Übersetzungsprogramms.
"Die unendliche grüne Weite" steht da, oder "Der grüne Wald ist der Anfang aller Dinge".
Sehr hilfreich, danke.
Ich hab die Nase voll von diesen verständnislosen Blicken. Mir ist bewusst, meine Lehrerin Gracie würde mir den Hals umdrehen, immerhin drillt sie mich auf natürliche Sprechweise, weg von den übertriebenen Betonungen, die man bei uns Westlern so oft hört.
Aber ich hab Durst, ich will Tee.
Woo Yaaoo Lüü Chaaa sage ich, und betone jedes Wort übertrieben stark. Die Frau beginnt zu lachen, grinst mich an und meint sichtlich erleichtert 绿茶! Kommt sofort! Ich setz mich auf einen wackeligen Sessel.
In drei Minuten hab ich einen großen Becher grünen Tee (perfekt runtergekühlt auf Zimmertemperatur) und das Gewusel von Dafen zieht an mir vorbei. Ich muss unwillkürlich leise lachen, die Welt ist doch ein absurder Platz.

*) Ihr kennt diese kleinen Zimmer hinter dem Zeichensaal, in denen die gesamte Urgeschichte der bildnerischen Erziehung an dieser Schule (und meine Schule war alt) in hübschen, geologischen Schichten gelagert ist? Hier eine Sammlung von antiquierten Schnippelbüchern, dort ein Fläschchen mit Realgar (Tsa alleine weiß wie sich sowas in eine Schule verirren kann) und da eine Schachtel mit schütteren Dachshaarpinseln.
Und wie an den meisten Schulen und Universitäten gibt es immer einen Schüler, der, sofern der Custos das erlaubt, so tief in dem ganzen Chaos drinnensteckt, dass er die oberste Autorität in allen damit zusammenhängenden Fragen ist. Zu meiner Zeit war das ich.
Komischer Kauz.
Anstatt wie ein normaler Schüler in der Pause entweder die Hausübung abzuschreiben oder am Klo zu rauchen, wühlt er sich durch hundertjährige Pigmentsammlungen.

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You find quite interesting food in Asia. Guaranteed not boring.
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