Skyline, Chili und Ohrensalat

Je schärfer desto lieber. Aber erst mal eine Skyline von Shenzhen bei Tageslicht, zur Einstimmung.

Skyline of Futian, ShenzhenSkyline of Futian, Shenzhen | photo: Frank Fox (cc-by-sa)

Die Luftfeuchtigkeit ist relativ hoch, also wer auch immer von euch die Befürchtungen geäussert hat, alles sei voller Smog, die Luft nicht atembar etc. etc... Nope. Hier schnauft sichs nicht recht viel schlechter als beispielsweise in Wien. Und jetzt zum heutigen Tag.

Heute waren wir nämlich fein essen. Naja fein im Sinne von lecker. Die Tischmanieren sind nämlich gewöhnungsbedürftig. Da wird das Zeug, das man nicht unbedingt mag nicht wie bei uns zierlich am Tellerrand abgelegt, sondern mitten am Tisch. Schneuzen ist wider Erwarten kein großes Problem, insbesonders wenn das Futter recht scharf ist. Man sollte nur die Lautstärke zügeln und nicht wie Benjamin Blümchen in den Schneuzfetzen trompeten.
Dafür wird das benutzte Taschentuch wo abgelegt?
Richtig!
Am Tisch.
Eine weitere Besonderheit ist, es werden grundsätzlich mal verschiedene Sachen dazu bestellt, die dann von den an der Mahlzeit beteiligten Personen nach Lust und Laune gefuttert werden. Der Vorteil ist, jeder hat was davon. Und da die, mit der ich also essen war, recht scharf ist, haben wir... sorry, isst meinte ich, scharf isst. Gerne. Quasi. Also... waren wir in einem Rindfleischnudelrestaurant, das auch Sichuan-Gerichte auf der Karte hat.

Sichuan PepperSichuan Pepper | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

Es gibt in China ja mehrere Provinzen. Chilischärfe finden wir vorwiegend in Hunan, während Sichuan für seine Pfeffergerichte bekannt ist. Dort bekommst auch zu jeder Mahlzeit eine Schüssel mit gehackten Schoten dazu, wo du dein Zeug noch zusätzlich drin wälzen kannst. Der Grund, warum manche Provinzen so scharfe Speisen haben, liegt am allgemeinen Klima dort, denn die Taoisten streben nach dem absoluten Gleichgewicht. Ist das Klima also recht feucht und generell eher dem Element Wasser zugetan, muss man sich das Feuer als ausgleichende Komponente über das Futter zuführen.

ChiliesChilies | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

Wir hauen uns eine Auswahl von Rindfleischnudelgerichten im Sichuanstil rein, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, also passt das schon. Dazu gibts Baumohrensalat (Baum-Ohren, nicht Bau-Mohren), das sind diese gelatinösen Pilze, scharfe Wantansuppe und nochmal Suppe, sowie eine Art Limo aus getrockneten Pflaumen. Ihr kennt vielleicht  diesen immerwährenden Bestandteil der Speisekarten im Chinarestaurant "Rindfleisch nach Sichuan Art (scharf)", ja? Vergesst das, das ist vielleicht (scharf), aber kommt nicht mal annähernd an dieses Geschmackserlebnis heran.
Aber wie soll ich euch das am Besten erklären?

Snacks in ChongqingSnacks in Chongqing | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

Fangen wir an in Italien. Von einem italienischen Koch hab ich mal gelernt, die Bandbreite des Geschmacks zu nutzen. Der hat Basilikum in eine gewöhnliche Tomatensauce geschmissen, und zwar gehacktes Basiliskenkraut am Anfang, getrocknetes während des Kochvorgangs und nochmal frisch gehacktes kurz vor dem Servieren. Alle drei Varianten schmecken eigentlich nach Basilikum nur anders eben, aber alle drei zusammen bringen das Maximum des Basilikumgeschmacks auf den Gaumen.
Capiche?
Und genau so war das heute mit der Sichuanschärfe. Die Mischung von Chili, verschiedenen Pfeffersorten (die es bei uns wahrscheinlich garnicht gibt, zumindest nicht frisch), plus eventuell noch Schwefelsäure und Salpeter ergibt den Stoff aus dem Morgoth die Feuerdrachen erschaffen hat.
Smaug und Glaurung und Ancalagon und wie die alle heissen. Das Futter war nicht übermäßig scharf, aber die Bandbreite des Geschmacks hat ein umfassendes, ausgesprochen befriedigendes Gefühl der... Wärme im Mund ausgelöst, wie ich es selten erlebt habe, und noch nie in einem simplen Restaurant.
Phantastisch.

Smaug the Magnificent, descendant of Ancalagon the BlackSmaug the Magnificent, descendant of Ancalagon the Black | photo: (©) J.R.R. Tolkien/Peter Jackson

Und nachher gings ab zum Ursprung der Stadt, einem Hügel, der auch ein Park ist und oben flach mit einem Denkmal des Gründers der Sonderwirtschaftszone Shenzhen: Deng Xiaoping. Von dort hat man also nach Einbruch der Dunkelheit folgenden Ausblick:

Futian By NightFutian By Night | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

Der Klops rechts, mit der erleuchteten "Krone" obenauf ist übrigens das Sheraton. Und hier in dem Nebengebäude hab ich euch noch mit einer grünen Eidechse den Platz markiert, wo ich täglich so lange über Schriftzeichen die aussehen wie explodierte Vogelnester brüte, bis sie einen Sinn ergeben, mein Klassenzimmer:

Klassenzimmer markiert mit einer EidechseKlassenzimmer markiert mit einer Eidechse | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

Achso, ja genau. Manche Leute hier sind genau so verrückt nach "Game of Thrones" wie gewisse Leute zuhause. Seit bekannt geworden ist, dass ich die neuesten Teile noch garnicht gelesen habe, will man mir unbedingt einen Ebookreader aufs Aug drücken. Aber ich hab momentan keine Zeit zum Lesen.

Und zum Abschluss der ganzen Freude noch ein kleines Rätsel. Das folgende Citylight ist mir in der Ubahnstation vor die Linse gesprungen. Was stimmt hier nicht, wers als erster löst, bekommt... ähm, nix.

What is wrong in this imageWhat is wrong in this image | photo: (cc-by-sa) Frank Fox

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